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Die Altstadt soll leben

Mittwochspalte vom 12. Oktober 2005

Die Altstadt soll leben! Am Montag hat der Gemeinderat – zum Teil mit nur knappen Mehrheiten – drei wichtige, lange vorbereitete Beschlüsse gefasst. Maßvoll wurden Freiräume für die Entwicklung der Gastronomie geschaffen, Die Stadtbildsatzung wurde geöffnet und ein Gestaltungsbeirat wurde – zunächst auf Probe – eingerichtet. Vorerst offen bleibt die Frage, ob die Altstadt als Gesamtanlage geschützt werden soll.
Wie kann es mit der Altstadt weitergehen? Seit langem stand die Frage im Raum. Wie soll das Ziel, das der Bebauungsplan „Altstadtgebiet“ richtig beschreibt, unter den jetzigen Bedingungen erreicht werden: „Ausgewogene Mischung aus Wohnen, Handel und Handwerk, Dienstleistungen, Gastronomie, Forschung und Lehre, Verwaltung und Gemeinbedarfeinrichtungen“ Und wie soll das einmalige Erscheinungsbild der Tübinger Altstadt erhalten und entwickelt werden. Mehr als 50 Beratungsvorlagen und Anträge der Fraktionen haben sich seit 2003 zum Thema aufgehäuft. Es gründete sich die BI Altstadt. HGV und TüGast und viele andere meldeten sich zu Wort. Herausragend die Zusammenarbeit mit dem Runden Tisch Kultur. Auch an die intensive Beschäftigung mit dem Thema im Leitbildprozess ist zu erinnern. Verwaltung und Gemeinderat gelang es im letzten Dezember Übersicht zu schaffen und Schwerpunkte zu setzen: „Öffentlicher Raum“, „Gastronomie“, „Einzelhandel“, „Architektur und Städtebau“.
Der Gemeinderat hat das Thema ernst genommen. Zu Recht. Diese über Jahrhunderte gewachsene Stadt muss erhalten und vernünftig entwickelt werden. Ein Gesamtkunstwerk, von Generationen geschaffen, von der Zeit geformt, gottlob im Krieg unversehrt geblieben, eigentümlich, viel besucht und gepriesen. Diese Altstadt ist auch hundert weitere Papiere und Sitzungen wert.
Ein Museum darf sie freilich nicht werden. Diese Gefahr droht auch nicht ernstlich. Tübinens Altstadt ist lebendig (jedenfalls tagsüber). Und sie ist ein wirtschaftlicher Aktivposten. Die Stichworte lauten Tourismus und hochwertiger Einzelhandel. Aber wer in Tübingen lebt, läuft Gefahr, das Besondere der Stadt aus den Augen zu verlieren. Leider hat die politische Gruppierung, die sich auf ihre konservative Grundgesinnung einiges zu Gute hält, ein eher geringes Interesse daran zeigt, wirksame Instrumente für die qualitativ anspruchsvolle Bewahrung und Fortentwicklung der Stadt bereitzustellen. Die Vorstellung, der Gemeinderat könne am Besten beurteilen, wie gute Architektur in einer alten Stadt auszusehen hat, ist ziemlich abenteuerlich. Dem wäre sinngemäß Karl Valentins schöner Satz entgegen zu halten: „Kunst ist zwar schön, macht aber viel Arbeit.“ Je wertvoller das zu pflegende Gut, umso höher der Aufwand, umso höher auch der Anspruch an Qualität und Sachverstand, wenn Veränderungen notwendig werden. Gleiches gilt im Hinblick auf das Vorbringen gegen Kosten und bürokratische Regelungen. Entweder-oder. Man kann nicht jahrelang die Verbesserung der Situation fordern und dann hoffen, alles würde sich von selbst regeln. Komplexe Herausforderungen bedürfen notwendig auch komplexer Antworten.
Wie auch immer, einige zeitgemäße Antworten auf eine freilich fortbestehende Herausforderung scheinen gefunden. Die Altstadt soll leben!

Klaus te Wildt

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Wohin mit soviel Kreativität?

Mittwochspalte vom 26.04.2005

Desinteresse und Politikverdrossenheit sollen unter der Jugend – so hört man- weit verbreitet sein. Mit etwas bösem Willen kann eine solche Verdrossenheit auch aus dem Titel der Infobroschüre des derzeitigen Jugendgemeinderates (JGR) gelesen werden. Er lautet: „Machen kann man schon was…“. Wer sich nun in seiner schlechten Meinung von der Jugend bestärkt sieht ist aber schief gewickelt.
In dem Heft beschreiben die JugendgemeinderätInnen in großer Einmütigkeit wie schön und erfahrungsreich ihre Amtszeit war. Sie berichten aber auch sehr ehrlich darüber, wie anstrengend und teilweise kompliziert ihre Arbeit verläuft.
Der JGR hat die schwierige Aufgabe zu meistern einerseits Projektarbeit und andererseits Gremienarbeit zu leisten. Blickt man in die Bilanz dieser Arbeit, so ist die Liste beachtlich und die einzelnen Punkte wiederum legen Zeugnis darüber ab, wie viel Engagement Jugendlicher in Tübingen vorhanden ist.
In der laufenden Amtsperiode gab es ein Sportprojekt mit behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen, ein Podium und Chats zur Kommunalwahl, ein Kunstprojekt und vieles mehr. Der Lilli-Zapf Jugendpreis wird vom JGR jährlich an Jugendliche verliehen, die sich durch Sozial- und Zivilcourage verdient gemacht haben.
Derzeit läuft ein Antrag des JGR zu Graffitiflächen durch die Gremien des Gemeindrates. Weiterhin unterstützt der JGR Jugendgruppen bei deren Projekten. Die Zusammenarbeit mit den SMVen und auch das Act! Festival sind hier zu nennen. Gerade letzteres hat es sich zum lobenswerten Ziel gemacht, Jugendliche und Politik zusammen zu bringen. Stattfinden wird dieses Festival am 28. – 29. Mai auf dem Depotgelände. Hier wird es auch Gelegenheit geben die KandidatInnen für den neuen JGR kennen zu lernen. Dieser wird vom 06. bis 12. Juni neugewählt und es stehen 61 Jugendliche zur Wahl. Eine so hohe Zahl ist nicht selbstverständlich und umso erfreulicher.
Die SPD-Fraktion möchte an dieser Stelle Dank, Anerkennung und Respekt gegenüber allen engagierten Tübinger Jugendlichen für die getane Arbeit, zum Ausdruck bringen.
Insgesamt wird klar, dass die Kreativität und das Engagement vieler Jugendlicher im Jugendgemeinderat und darüber hinaus, ein natürliches Zuhause haben.

Hannah Tiesler

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Mittwochsspalte vom 02.03.2005

von Andrea Le Lan

Als neue Gemeinderätin lähmte mich fast die Vorstellung, bei den Haushaltsberatungen nur noch den Mangel verwalten zu müssen. Ist es überhaupt noch möglich, als Gemeinderätin in Tübingen politisch zu gestalten?
Ich denke, ja und möchte ein Gebiet herausgreifen, auf dem sich in den letzten beiden Jahren ein regelrechter Quantensprung ereignet hat: die Ganztagesschule.

Kam vor 15 Jahren in Tübinger Elternbeiräten die Sprache auf Ganztagesschule, so war das etwas ganz Fremdes, etwas, das es im Ausland gab, etwas, was man hier nicht wollte, denn Kinder gehörten über Mittag, so es irgend möglich war, nach Hause.

Und jetzt ? An 12 Tübinger Schulen wird ein Ganztagesangebot eingerichtet oder ist, wie in der Hauptschule Innenstadt, bereits Realität. Möglich macht diese Entwicklung das Investitionsprogramm des Bundes, Zukunft, Bildung und Betreuung (IZBB), das Baden-Württemberg 528,3 Mio € für die Einrichtung von Ganztagesschulen beschert.

Bisher wurden auf sechs Anträge aus Tübingen hin 5,8 Mio € bewilligt. Sie decken 90% der Kosten für den Aufbau einer Ganztagesbetreuung an der Hauptschule Innenstadt, der Französischen Schule, der Geschwister-Scholl-Schule, der Walter-Erbe-Realschule und der Mörikeschule. Für Dorfackerschule, Grundschule am Hechinger Eck, Albert-Schweitzer-Realschule, für die Außenanlagen der Sporthalle und nicht zuletzt für die drei Gymnasien in der Uhlandstraße wurden mehr als 6,5 Mio € beantragt. Weitere Tübinger Schulen, darunter die Grundschule an der Hügelstraße, planen entsprechende Anträge. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass in Bälde alle interessierten Familien in Tübingen ein schulisches Ganztagesangebot nutzen können. So weit, so gut. Doch die Stadt muss als Schulträger nicht nur die fehlenden 10% finanzieren. Es gilt auch die beachtlichen Folgekosten zu schultern; kein Kind darf von Bildung und pädagogischer Betreuung ausgeschlossen werden, nur weil die finanzielle Belastung für seine Eltern zu hoch ist.

Hier wird sich die Kooperation mit Tübinger Vereinen und Elterninitiativen bewähren. Nur sie ermöglicht die Ganztagesbetreuung, zu der der Schulträger verpflichtet ist, will er die Zuschüsse später nicht zurückzahlen müssen; denn das Land Baden-Württemberg weigert sich nach wie vor, personell in die Ganztagesbetreuung zu investieren, sieht man von Schulen in so genannten sozialen Brennpunkten ab. Als wäre dies nicht genug, zieht sich das Land auch komplett aus der Förderung der Schulsozialarbeit zurück. Wie gut, dass Verwaltungsspitze und Gemeinderat in Tübingen am gleichen Strang ziehen und Bildung den zentralen Rang zuweisen, der ihr gebührt.

Die SPD-Fraktion wird den durch die Ganztagesbetreuung entstehenden Kosten zustimmen. Richtig verstandene Ganztagesbetreuung ist mehr als Aufbewahrung über Mittag. Sie hat ein pädagogisches Konzept und führt letztendlich zur Rhythmisierung des Regelunterrichts. Dann ist erfülltes, kind-, und jugendgerechtes Lernen für alle Schülerinnen und Schüler möglich, Lernen, das es ihnen ermöglichen wird, später in der Berufswelt ihren Platz zu finden. Ein Blick auf die steigenden Jugendhilfekosten im Kreis genügt, um zu sehen, wie viel damit zu sparen ist!