Von Mesut Özil zum Tübinger Migrationsbeirat

MITTWOCHSPALTE VOM 30. JUNI 2010

Auch ich gehöre zu denen, die zurzeit kaum ein Spiel verpassen (es sei denn Gemeinderatssitzungen hindern mich daran). Ich mag die Stimmung, die während der Fußball-Weltmeisterschaft in Tübingen herrscht, auch wenn die Vuvuzelas auf die Nerven gehen. Die meisten Spiele sehe ich zu Hause mit Familie und mit Freunden, ab und zu aber auch beim Public Viewing. Es ist gut, dass die Möglichkeiten dazu in Tübingen gegeben sind, dass Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen gemeinsam die WM verfolgen und zusammen feiern können.
Ich würde mich freuen, wenn Deutschland Weltmeister wird. Das wäre dann Spielern wie Mesut Özil, Cacau, Sami Khedira, Mario Gomez, Lukas Podolski, Jerome Boateng und anderen zu verdanken. 50 Prozent der Nationalspieler haben einen Migrationshintergrund. Das allein zeigt, dass wir auf die vielen Migrantinnen und Migranten in diesem Land angewiesen sind und dass Sport ein wichtiger Schlüssel für gelingende Integration ist.
Das gilt auch für unsere Stadt, in der sich viele Menschen mit Migrationshintergrund in Vereinen einbringen. An diese Erfahrung müssen wir anknüpfen. Integration ist eine Zukunftsaufgabe, die sich durch so viele kommunalpolitische Felder zieht, und es gibt noch viel zu tun. Denn leider bleiben auch in Tübingen, wo ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner eine Zuwanderungsgeschichte aufweist, noch vielen Kindern und Erwachsenen entscheidende Chancen verwehrt – trotz wegweisender Initiativen beispielsweise in den Kindergärten oder Schulen.
Die SPD und andere Fraktionen setzen sich deshalb dafür ein, einen Integrationsbeirat einzurichten, der die Integrationsbeauftragte bei ihrer Arbeit unterstützt und berät, Probleme erkennt und Lösungsmöglichkeiten entwickelt. Diesem Integrationsbeirat sollen Vertreterinnen und Vertreter der Migrantenvereine ebenso angehören wie Mitglieder des Gemeinderats. Unseres Erachtens bedarf es verbindlicher Strukturen, in denen sich möglichst viele Tübinger Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund wiederfinden. Daher stehen wir manchen Vorschlägen der Verwaltung kritisch gegenüber: So lehnen wir einen Fachbeirat Gleichstellung und Integration nach dem Vorbild des Gestaltungsbeirates ab. Für eine erfolgreiche Integrationspolitik brauchen wir weniger Personen mit Kenntnissen aktueller Entwicklungen in der Forschung als vielmehr engagierte Tübingerinnen und Tübinger, die sich vor Ort in Vereinen, Schulen und Initiativen für Integration einsetzen. Es geht um handfeste Integrationsarbeit – die können wir nicht allein der Fußballnationalmannschaft der Männer überlassen.

Dorothea Kliche-Behnke
SPD-Fraktion