111 Tage Boris Palmer

MITTWOCHSPALTE VOM 2. MAI 2007

111

Und die SPD, sagt die nichts zu den berühmten 100 Tagen? Aber ja doch, inzwischen sind es übrigens 111 (bei binärer Interpretation so viele, wie Gott brauchte, die Welt zu erschaffen). An Taten können wir ihn noch nicht messen. Aber Stil und Stimmung sind neu und irgendwie voll zeitgemäß: Viel RTL, wenig ARD, Null ARTE. Der Oberbürgermeister, da kommt er, das bunte Massenblatt großzügig gefaltet unter dem Arm. Tübingen ist in der Normalität angekommen. Wir reiben uns verwundert die Augen. Beispiele für den Klimawandel? Der Herr Oberbürgermeister beschenkt das Stadtmuseum mit einem seiner Fernostwahlkampfhybridbilligfahrräder („Ich habe schließlich die Wahl gewonnen.“). Wir stellen uns für einen Moment vor, die Amtsvorgängerin hätte dem Museum einen ihrer Schals vermacht. – Mindestens 30 Leserbriefe. Der Herr Oberbürgermeister holt sich einen Parteifreund als persönlichen Referenten ins Rathaus. Nix dagegen. Aber wir stellen uns vor, die Amtsvorgängerin hätte hätte dergleichen vorgehabt. Nein, wir fragen nicht, was in Tübingen los gewesen wäre.

Jetzt ist also alles im grünen Bereich. Heiße Luft statt Zeozwei. Über allen Gipfeln ist Ruh, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Unser liebes Tagblatt ist begeistert und gibt sich den Wonnen der Gewöhnlichkeit hin – man wünscht sich dann doch zuweilen Lokalmephisto Christoph Müller zurück. Brenner frisst Palmer, Palmer frisst Brenner aus der Hand, Ruhe auch an dieser Front. Ja was wollen wir mehr. In unserer Stadt herrscht Frieden, Frieden herrscht in unserer Stadt. Und Freude. Und ein bisschen Eierkuchen. Wer wird etwas dagegen haben. – „Sie möchten kein Konzert am Güterbahnhof? Aber bitte, dann lassen wir das.“ Konflikte? Nein, Konflikte schaffen wir ab. – Seid einig, einig, einig!

Und auch sonst wird alles gut. Der Übermut der Ämter, deren Rat ernst zu nehmen, im Wahlkampf offenbar nur zum Spaß angekündigt wurde, er wird jetzt scharf gezügelt. Demnächst drehen sich die Baukräne am Europaplatz, an der Blauen Brücke, am Pfleghof, die Mühlstraße wird enorm verbreitert, endlich wird es ein durchschlagendes Stadtmarketing geben, endlich werden die Hauptschulen aufgelöst, endlich kriegt auch die CDU einen schönen Posten. Er selbst hat es gesagt. – Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Und das waren nur die ersten 111 Tage!

Vielleicht gilt jetzt für Tübingen, was Wenedikt Jerofejew über Petuschki sagt: „Petuschki – das ist ein Ort, wo die Vögel nicht aufhören zu singen, weder am Tag noch bei Nacht, wo sommers wie winters der Jasmin nicht verblüht. Die Erbsünde, wenn es sie gegeben hat, tangiert dort niemanden. Sogar die, die wochenlang nicht nüchtern werden, behalten dort ihren klaren, unergründlichen Blick“.

Klaus te Wildt