Das Nasobém

Das Nasobém

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobém,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobém.

Christian Morgenstern

Mittwochsspalte vom 02.03.2005

von Andrea Le Lan

Als neue Gemeinderätin lähmte mich fast die Vorstellung, bei den Haushaltsberatungen nur noch den Mangel verwalten zu müssen. Ist es überhaupt noch möglich, als Gemeinderätin in Tübingen politisch zu gestalten?
Ich denke, ja und möchte ein Gebiet herausgreifen, auf dem sich in den letzten beiden Jahren ein regelrechter Quantensprung ereignet hat: die Ganztagesschule.

Kam vor 15 Jahren in Tübinger Elternbeiräten die Sprache auf Ganztagesschule, so war das etwas ganz Fremdes, etwas, das es im Ausland gab, etwas, was man hier nicht wollte, denn Kinder gehörten über Mittag, so es irgend möglich war, nach Hause.

Und jetzt ? An 12 Tübinger Schulen wird ein Ganztagesangebot eingerichtet oder ist, wie in der Hauptschule Innenstadt, bereits Realität. Möglich macht diese Entwicklung das Investitionsprogramm des Bundes, Zukunft, Bildung und Betreuung (IZBB), das Baden-Württemberg 528,3 Mio € für die Einrichtung von Ganztagesschulen beschert.

Bisher wurden auf sechs Anträge aus Tübingen hin 5,8 Mio € bewilligt. Sie decken 90% der Kosten für den Aufbau einer Ganztagesbetreuung an der Hauptschule Innenstadt, der Französischen Schule, der Geschwister-Scholl-Schule, der Walter-Erbe-Realschule und der Mörikeschule. Für Dorfackerschule, Grundschule am Hechinger Eck, Albert-Schweitzer-Realschule, für die Außenanlagen der Sporthalle und nicht zuletzt für die drei Gymnasien in der Uhlandstraße wurden mehr als 6,5 Mio € beantragt. Weitere Tübinger Schulen, darunter die Grundschule an der Hügelstraße, planen entsprechende Anträge. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass in Bälde alle interessierten Familien in Tübingen ein schulisches Ganztagesangebot nutzen können. So weit, so gut. Doch die Stadt muss als Schulträger nicht nur die fehlenden 10% finanzieren. Es gilt auch die beachtlichen Folgekosten zu schultern; kein Kind darf von Bildung und pädagogischer Betreuung ausgeschlossen werden, nur weil die finanzielle Belastung für seine Eltern zu hoch ist.

Hier wird sich die Kooperation mit Tübinger Vereinen und Elterninitiativen bewähren. Nur sie ermöglicht die Ganztagesbetreuung, zu der der Schulträger verpflichtet ist, will er die Zuschüsse später nicht zurückzahlen müssen; denn das Land Baden-Württemberg weigert sich nach wie vor, personell in die Ganztagesbetreuung zu investieren, sieht man von Schulen in so genannten sozialen Brennpunkten ab. Als wäre dies nicht genug, zieht sich das Land auch komplett aus der Förderung der Schulsozialarbeit zurück. Wie gut, dass Verwaltungsspitze und Gemeinderat in Tübingen am gleichen Strang ziehen und Bildung den zentralen Rang zuweisen, der ihr gebührt.

Die SPD-Fraktion wird den durch die Ganztagesbetreuung entstehenden Kosten zustimmen. Richtig verstandene Ganztagesbetreuung ist mehr als Aufbewahrung über Mittag. Sie hat ein pädagogisches Konzept und führt letztendlich zur Rhythmisierung des Regelunterrichts. Dann ist erfülltes, kind-, und jugendgerechtes Lernen für alle Schülerinnen und Schüler möglich, Lernen, das es ihnen ermöglichen wird, später in der Berufswelt ihren Platz zu finden. Ein Blick auf die steigenden Jugendhilfekosten im Kreis genügt, um zu sehen, wie viel damit zu sparen ist!